Poker-Firma wettet auf eigenen Börsengang
Kritik an der Kasino-Mentalität am Londoner AIM

Am Donnerstag haben gleich zwei Online-Glücksspiel-Firmen IPO-Pläne angekündigt. PartyGaming könnte mit einem Börsenwert von 5 Mrd. £ British Airways überflügeln, die kleinere Empire Online peilt das Marktsegment AIM an. Hier haben Kursrückgänge unterdessen Befürchtungen über einen Qualitätszerfall der Titel verstärkt.

Das Glück scheint günstig zu stehen: Gleich zwei Online-Glücksspiel-Firmen haben am Donnerstag in London ihre Pläne für einen Börsengang angekündigt. Die grössere PartyGaming, die die Website PartyPoker betreibt, will sich am Hauptsegment kotieren lassen, während Empire Online das Marktsegment AIM für kleinere Firmen anpeilt. Gemäss der Londoner «Times» könnte PartyGaming auf einen Börsenwert von 5 Mrd. £ kommen. Das Londoner Brokerhaus Numis Securities bezeichnete diese Schätzung als «nicht unfair». Trifft die Schätzung zu, wäre PartyGaming der grösste Börsengang seit vier Jahren; das Unternehmen wäre dann höher bewertet als British Airways oder die Supermarktkette Sainsbury. Finanzanalytiker sprachen deshalb von einer Neuauflage der «Dot-com-Blase».

Gründer kassieren Belohnung
Im vergangenen Jahr hatte PartyGaming vor Steuern einen Gewinn von 371 Mio. £ erzielt. Das Unternehmen mit Sitz in Gibraltar hatte Einnahmen von 601 Mio. £ nach 153 Mio. £ im Vorjahr. Finanzanalytiker sprachen von phantastischen Wachstumsraten. Die Frage ist allerdings, wie nachhaltig das Wachstum ist. Am Markt für Online-Wetten ist die Loyalität der Kunden gering und die Mobilität hoch. Ferner entsteht der Eindruck, dass die Gründer und Hauptaktionäre mit dem Verkauf von 23% ihrer Aktien nun am Börsengang gut verdienen wollen. Einen Teil des Geldes will die Gesellschaft aber offenbar auch in die Entwicklung neuer Produkte, in den Vorstoss in neue Länder und in Akquisitionen stecken. Die Antwort auf die Frage allerdings, warum ein Online-Poker-Anbieter Akquisitionen tätigen muss, bleibt nebulös. Die Eintrittsbarrieren für neue Anbieter sind gering; die aufgekaufte Website eines Konkurrenten kann sofort durch eine neue ersetzt werden. Wichtiger ist es deshalb, eine Website mit gutem Marketing bekannt zu machen und durch sichere Zahlungssysteme deren guten Ruf zu etablieren. Bisher erwirtschaftete PartyGaming 80% der Einnahmen in den USA. Für die Börsenkotierung wurde London gewählt, um das Unternehmen in Europa wahrnehmbarer zu machen und die Expansion voranzutreiben.

Empire Online, die zweite Glücksspiel-Firma mit Börsenplänen, konnte oder wollte am Donnerstag noch nicht konkretisieren, wie viel Geld sie mit dem Börsengang aufzunehmen hofft. Einige Beobachter schreiben der Firma einen Marktwert von 550 Mio. £ zu. Damit wäre Empire Online am AIM eine der grösseren Firmen. Das Londoner Segment für kleine und mittlere Unternehmen hat den Investoren seit dem März deutliche Verluste beschert. Die Kurse der Unternehmen haben sich schlecht entwickelt; vor allem bei den Rohstoff-Firmen kam es zu einem Ausverkauf. Deren Kurse waren zuvor wegen eines grossen Enthusiasmus über neue Erdöl- und Gas-Vorhaben hochgetrieben worden.

Mehr Quantität statt Qualität
Ins Wanken gebracht wurde der Markt durch Regal Petroleum. Deren Aktien stürzten um mehr als 70% ab, nachdem die Gesellschaft eingestanden hatte, dass die Förderung aus einer zuvor gelobten Quelle in Griechenland kommerziell nicht lohnend sei. Für eine Abkehr von der Kasino- Mentalität sorgte ferner, dass First Calgary, einstmals die grösste Gesellschaft am AIM, ihren Marktwert halbierte, nachdem sich das Unternehmen nach einem Gasfund in Algerien selbst zum Verkauf angeboten, jedoch keinen Käufer gefunden hatte. Ausserdem gibt es immer wieder Gerüchte über Insider-Transaktionen.

Die Londoner Börse betont gern den grossen Erfolg von AIM. Tatsächlich ist die Liste der kotierten Unternehmen schnell gewachsen, heute sind rund 1150 Firmen am Londoner AIM kotiert. Das Marktsegment hat viele Investoren angezogen, die von den Erträgen an den grossen Hauptmärkten enttäuscht sind. Für britische Privatinvestoren bietet der AIM zudem über Steuervorteile einige Zückerchen; diese sollen dazu dienen, kleinen Unternehmen den Zugang zum Kapitalmarkt zu erleichtern. Die Begünstigung hat allerdings die Nachfrage künstlich verstärkt und nach Ansicht von Beobachtern zu Qualitätsproblemen und einer Bewertungs-Blase geführt.

Quelle: http://www.nzz.ch/2005/06/03/bm/articleCVB3O.html