Tipp24 sucht das Glück an der Börse
Lotto: Hamburger Internetfirma gibt heute gut vier Millionen Aktien aus. Papier ist überzeichnet. Ausgabepreis bei 20,50 Euro. Firma will Millionen investieren. Kritik an Altaktionären: "Sie machen Kasse."
Von Mathias Eberenz

Hamburg -
Die Erwartungen sind hoch: Rund 88 Millionen Euro will der Hamburger Internet-Lottovermittler Tipp24 heute beim Börsendebüt von den Anlegern einsammeln. Gut vier Millionen Aktien werden angeboten. Der Börsenneuling legte den Ausgabepreis für die Aktien auf 20,50 Euro und damit auf den oberen Rand der Preisspanne, die zwischen 16,50 und 20,50 Euro gelegen hatte, fest. Dies teilte das Unternehmen gestern in Hamburg mit. Die Aktie war "überzeichnet". Soll heißen: die Nachfrage ist höher als das Angebot.


"Das Interesse der Kunden war hoch, selbst wenn man es mit den anderen Börsengängen in diesem Jahr vergleicht", bestätigt auch die Sprecherin der Hamburger Sparkasse, Katja Neumann, dem Abendblatt. Es werde sich aber erst heute herausstellen, "ob und in welchem Umfang die Privatanleger bedacht werden".

Tipp24 hatte im Vorfeld des Börsengangs angekündigt, rund 40 Millionen aus dem Börsengang in den Ausbau des Geschäfts zu investieren. Unter anderem sei eine Expansion nach Frankreich und England denkbar, hieß es. Auch der Kauf eines großen Glücksspielanbieters, etwa aus dem Bereich Online-Poker, wird offenbar in Erwägung gezogen.

Bislang vermittelt die 1999 gegründete Tipp24 AG ausschließlich staatliche Lotteriespiele wie 6 aus 49, Oddset und Rubbellose. Die Anfänge waren dabei recht mühsam: In Startup-Zeiten wurden die Spielscheine noch einzeln im Büro ausgedruckt und dann von den Vorständen persönlich in die Lottoannahmestelle getragen. Heute, sechs Jahre später, hat das Unternehmen bundesweit mehr als 1,5 Millionen Kunden. Sie füllen die Scheine auf dem Bildschirm aus. Tipp24 überspielt die Daten an die Landeslotteriegesellschaften, bekommt dafür Provision und zahlt sogar die Gewinne an Spieler aus.

Die Börsenstory wird von Investoren und Analysten allgemein positiv bewertet: Schon seit Jahren verzeichnet das Unternehmen stetig zweistellige Zuwachsraten, bereits seit 2001 schreibt Tipp24 schwarze Zahlen. Und auch die weiteren Aussichten scheinen gut: "Der Markt für Online-Lotto ist erst am Anfang, wird sich in den kommenden Jahren verdreifachen", sagt Robert Suckel vom bankenunabhängigen Hamburger Analysehaus SES Research dem Abendblatt. Nach Schätzungen beträgt der Anteil der großen Internet-Lottovermittler Tipp24 und Fluxx.com am Gesamtlottomarkt zusammen gerade drei Prozent. "Doch die Entwicklung geht in Richtung zehn Prozent", sagt Suckel.

Als Marktführer mit einem Anteil am Online-Lotto in Deutschland von rund 50 Prozent profitiere Tipp24 dabei besonders von diesem Trend, so der Analyst: "Die jährlichen Umsatzsteigerungen könnten bei 50 Prozent liegen, dann würde der Umsatz mit Spielscheinen von Tipp24 im Jahr 2008 bei 400 Millionen Euro liegen." Positiv zu bewerten sei auch, daß Tipp24 eine "deutlich höhere Marge" als der bereits börsennotierte Wettbewerber Fluxx.com aus Kiel ausweise.

Doch es gibt auch Risiken, etwa durch den angekündigten Kauf eines großen Online-Spieleanbieters. Die Übernahme könnte dem Unternehmen zwar neue Produkte wie Skat oder Backgammon bringen - und auch attraktive Kunden. "Doch dieses Vorhaben bereitet mir Bauchschmerzen", sagt Analyst Suckel. "Eine solche Übernahmen ist strategisch zwar durchaus sinnvoll, aber es wird auch sehr teuer, denn zur Zeit gibt es keine Schnäppchen am Markt."

Nicht auf Begeisterung bei Anlegern stößt auch die Ankündigung des Unternehmens, das die Altaktionäre mehr als die Hälfte der Erlöse aus dem Börsengang kassieren - immerhin sind das voraussichtlich rund 48 Millionen Euro. "Daß die Altaktionäre verkaufen, ist tendenziell kein gutes Signal", sagt Suckel. Allerdings sei es durchaus üblich, daß der Wagniskapitalgeber bei einem Börsengang "Kasse macht".


Bei Tipp24 hält der Investor Earlybird nach Unternehmensangaben knapp die Hälfte des Grundkapitals. Die Vorstandsmitglieder besitzen zusammen 36,5 Prozent. Der Rest befindet sich in den Händen weiterer Investoren. Nach dem Börsengang, der von der Deutschen Bank und dem Investmenthaus Morgan Stanley als Konsortialführer begleitet wird, soll der Streubesitz bis zu 52,8 Prozent des Grundkapitals der Gesellschaft betragen.

erschienen am 12. Oktober 2005

Quelle: http://www.abendblatt.de/daten/2005/10/12/491459.html