Das Buchmacher-Fernsehen
RTL, DSF und Premiere wollen am Geschäft mit Sportwetten mitverdienen
von Ulrike Langer

War Robert Hoyzer der Image-Gau für die Anbieter von Sportwetten? Im Gegenteil. Der käufliche Unparteiische sorgte eher für größeren Zulauf zu Oddset, BetandWin und Co. Nur wenige Monate nach dem Schiedsrichterskandal boomen Sportwetten wie noch nie. Aktienkurs und Umsatz des privaten Anbieters BetandWin haben sich seit Jahresanfang verdreifacht, und die Branche rechnet damit, daß die Deutschen ihre Wetteinsätze, die 2004 bei 800 Millionen Euro lagen, in diesem Jahr um 25 Prozent steigern. Dazu beitragen könnte ein Spruch des Bundesverfassungsgerichts, das im Sommer möglicherweise das Staats-Monopol für Sportwetten kippt. Dann wollen auch die TV-Sender mitverdienen.


Das DSF und Premiere bereiten derzeit den Einstieg ins Wettgeschäft vor. Schneller waren die Strategen von RTL. Vor knapp zwei Wochen eröffnete der Sender beim "Großen Preis von Spanien" die Internet-Plattform RTLTipp.de für Sportwetten. Eher beiläufig erwähnte der TV-Reporter beim Fachsimpeln mit Niki Lauda, daß man bei RTL nun auch Geld darauf setzen kann, ob Schumacher oder Räikkönen gewinnt. Richtig losgehen soll das Wettgeschäft jetzt am Sonntag beim Rennen in Monaco.


Der Sender will durch das Forsa-Institut herausgefunden haben, daß ein Drittel seiner acht bis zehn Millionen Formel-Eins-Zuschauer durchaus zum Wetten verführbar ist, auch wenn neun von zehn der Befragten bislang noch nie einen Tipp abgaben. Diesen Sportfans, denen Begriffe wie "Totalisator" oder "Buchmacherwette" eher suspekt sind, will der Sender den Weg zum Online-Tippschein mit wenigen Mausklicks so einfach wie möglich machen.


Constantin Lange sieht darin einen "Wachstumsmarkt". Lange ist Chef von RTL interactive, die für das Mutterhaus auch Geschäfte wie den kostenpflichtige SMS-Chat im RTL-Teletext betreibt oder einen Download-Bereich für Computer- und Handyspiele. Auch mit diesen interaktiven Angeboten habe man "sehr positive Erfahrungen" gemacht, sagt Lange.


Zunächst will RTL Interactive über seine neue Tochter Gambelino GmbH die Wetten nur vermitteln, dabei Provisionen von seinem Kooperationspartner Oddset kassieren und eine lukrative Kundenkartei aufbauen. Denn wer wettet, ist ein Spielertyp, den man auch mit Lottoscheinen und Glücksspiellosen umwerben kann. Ab Herbst sollen RTL-Wetten auch über Handy möglich sein, später könnte ein eigener digitaler Wettkanal hinzukommen. Vorsorglich hat sich RTL Interactive schon mal mit 20 Prozent beim Berliner Spiele-TV-Sender K1010 eingekauft. Mittelfristig schwebt Lange der Ausbau eines umfassenden Wett-, Spiel- und Glücksspielportals vor.


Ob er später auch selbst Wetten anbieten will, läßt der Sender noch offen. Bevor nicht die Verfassungsrichter grünes Licht geben, darf ohnehin nur die Lottotochter Oddset offiziell Wetten offerieren. Ausländische oder private Anbieter, die kurz vor der Wende eine DDR-Lizenz ergatterten, bewegen sich derzeit in einer rechtlichen Grauzone. Allerdings bieten sie auch bessere Gewinnquoten als Oddset, das hohe Steuern abführt und den Breitensport fördert.


Derweilen sondiert auch das DSF Möglichkeiten, mit Wetten Geld zu verdienen. Die Münchner setzen auf ein sommerliches Ja aus Karlsruhe und vor allem auf die geballte Macht der Fußballbilder mit allein 22 Stunden Bundesliga pro Woche und jede Menge weiteren Sportarten, die zur Tippabgabe animieren sollen. Ein erster Testlauf mit Wetten per Telefon soll Anfang des Jahres positiv verlaufen sein. Nach Insiderangaben verhandelt das DSF mit dem Anbieter Goldesel mit DDR-Lizenz. Auch mit dem Deutschen Fußballbund, der ebenfalls Ambitionen als Wettanbieter hegt, wenn das staatliche Monopol fällt, hat der Sportkanal angeblich bereits Gespräche aufgenommen. DSF-Chef Rainer Hüther mag diese Pläne im Detail zwar nicht bestätigen, wohl aber, "daß wir in der zweiten Jahreshälfte 2005 starten wollen".

Der Bezahlkanal Premiere plant nach Informationen der "Welt" einen frei empfangbaren Wettkanal für Pferderennen mit Sitz in Österreich, das in puncto Wetten liberalere Gesetze hat. Der geplante Kanal wird wohl Premiere Win heißen und mit dem US-Pferderennbahnbetreiber Frank Stronach kooperieren. Stronach besitzt in Österreich Wettlizenzen. Premiere experimentiert bereits seit dem vergangenen Jahr gemeinsam mit Oddset und BetandWin, welche Angebote über Handy und den Info-Kanal von Premiere von den Zuschauern angenommen werden. "Es gibt grundsätzliche Überlegungen, in den Bereich Wetten einzusteigen und erste Gespräche mit potentiellen Partnern", bestätigt Premiere-Sprecher Dirk Heerdegen. Über Details schweigt sich allerdings auch Premiere aus.


Alle drei Sender hoffen auf britische Zustände. Dort kann man auf beinahe alles und jeden wetten und der Durchschnittsbürger riskiert dafür knapp 400 Euro jährlich. Die Deutschen wollen derzeit nicht einmal 14 Euro pro Kopf für Wetten locker machen. Auch die Nachsorge seiner Kunden hat RTL schon im Blick: Auf dem neuen Wett-Portal führt ein Online-Link zur Suchtberatung.


Artikel erschienen am Sa, 21. Mai 2005
Quelle: http://www.welt.de/data/2005/05/21/720992.html?s=1